Artist Feature: metatektur

Metatektur nennt sich Kooperative für Raum und Gestaltung und hat für die Architekturbiennale 2027 vorgeschlagen, den Österreich-Pavillon einfach zuzusperren. Ein Gespräch über Gartenstühle undLeerstand.

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Artist Feature: metatektur

Der Raum, in dem ich dieses Interview führe, ist selbst schon das halbe Argument. Wir sitzen im Wiener Funkhaus im vierten Bezirk, in einem Zimmer, das für die nächsten Monate Metatektur gehört. Oder für die nächsten Jahre. Weiß niemand so genau, und genau das wird später noch wichtig.

Zwischennutzung heißt das. Ich sage das jetzt souverän, dabei habe ich den Begriff das erste Mal gehört, als ich vor diesem Haus stand. Falls es euch ähnlich geht: gut, dann sind wir schon zu zweit.

Metatektur ist ein Team aus Architekt:innen, Bautechniker:innen, Literaturwissenschaftler:innen und Künstler:innen. Dazu gehören unter anderen der Architekt Josef-Matthias Printschler, Lore Stangl mit Schwerpunkt Städtebau und die Künstlerin Lisa Schwarz, die zwischen Installation, Performance, Text und Fotografie arbeitet, außerdem Berit Larsson, Aida Holzapfel und Yusuf von Nemse sowie die befreundete Kooperative PRISTA.

Kein Büro, kein Chef

Die naheliegendste Frage zuerst: Warum nicht einfach Architekturbüro?

„Weil unsere Arbeit großteils nicht dem entspricht, was ein herkömmliches Architekturbüro macht. Kooperative deswegen, weil uns die horizontale, inkludierende Arbeitsweise wichtig ist." Konkret: „Es gibt keinen Chef in dem Sinn." Wer eine Idee einbringt, übernimmt die Projektleitung, „wenn man dieses böse Wort verwenden will". Beim nächsten Projekt ist es jemand anderer.

Auch die Abgrenzung zum Kollektiv ist bewusst gesetzt. "Ein Kollektiv sei ein Sammelbegriff und damit ein exkludierender, Kooperativen dagegen per Definition inkludierend." Man kann von außen zusteigen und, schönes Wort, auch wieder wegdiffundieren. Ihre Buchprojekte laufen oft als Open Calls und holen Autor:innen aus ganz Europa herein. Selbst dieses Interview, grinsen sie, sei streng genommen schon eine Kooperation.

Dazu passt ein Satz aus ihrem Selbstverständnis, der auf den ersten Blick nach Feuilleton klingt: Architektur sei „nicht das Endliche, das Feste". Klingt abgehoben, ist es aber nicht. „Das Gebäude bleibt, und Architektur entsteht erst im Zusammenspiel mit den Menschen." Ein Haus ist irgendwann fertig gebaut. Was danach passiert, wie Leute es benutzen, umdeuten, umbauen, ist auch noch Architektur.

Der Gartenstuhl als Methode

Deshalb forschen sie zu Praktiken der Raumaneignung. Übersetzt: Sie schauen, wie Menschen Räume tatsächlich verwenden, „auch abseits einer Nutzungsvorgabe".

Ihr längstes Projekt lief fünf, sechs Jahre in Stuttgart und heißt nach seinem Hauptdarsteller: Kunststoff-Gartenstuhl. Erst stellt jemand im Erdgeschoss einen Stuhl raus. Dann einen zweiten. Der Nachbar macht es nach. Irgendwann steht da ein kleiner Pflanzenzaun, dann ein Gemüsegarten, am Ende liegen Waschbetonplatten und es ist eine Terrasse. Das Essen wird aus dem Küchenfenster gereicht, weil es keine Tür nach draußen gibt. Am schönsten fanden sie, dass die oberen Stockwerke das stillschweigend dulden. Konflikte: keine.

Diesen Monoblock-Stuhl findet man überall, sogar auf der Fähre nach Athen, wo die Leute an Deck damit ihre Bereiche reservieren. Und aus ein paar Fotos wurde eine Karte, aus der Karte ein Text, aus dem Text ein Buch. „Interesse und dann einfach tun." Kürzer lässt sich ihre Methode nicht zusammenfassen.

Mut zur Hässlichkeit?

Bleibt die unhöfliche Frage: Warum sind Fassaden heute nicht mehr so schön wie früher? Die Antwort ist keine Verteidigung und keine Anklage. „Es gibt Gebäude, die sind hässlich und funktionieren trotzdem super. Und es gibt Gebäude, die sind wunderschön und funktionieren überhaupt nicht." Schönheit sei ein historisch gewachsener Begriff, der sich weiterentwickle: Was man heute hässlich findet, ist in vierzig Jahren wertvoll. Die Neunziger kommen gerade zurück, Brutalismus ist wieder en vogue, Beton ist wieder cool. Ihr Interesse ist nicht die nostalgische Sicht auf Fassaden, sondern die Frage, wie Gebäude sein müssen, damit sie für die Jetztzeit taugen. Ihr Motto dazu, halb im Scherz und ganz ernst gemeint: Mut zur Hässlichkeit. Schön sei ein Raum ohnehin vor allem dann, wenn er zugänglich ist.

Eine Million Euro Miete. Pro Tag.

Und dann ist da der Entwurf, mit dem sie sich um den Österreich-Pavillon auf der Architekturbiennale 2027 beworben haben. Titel: FOR RENT: open, as long as closed. Die Idee in einem Satz: den Pavillon zusperren und ihn stattdessen wie eine Immobilie auf den Markt werfen.

Mit allem, was dazugehört. Ein Makler:innenbüro samt Website. Massenbesichtigungen statt Ausstellungsbesuch. Merchandise. Und ein Mietpreis von einer Million Euro pro Tag. Die Zahl ist ein Augenzwinkern und steht gleichzeitig in Relation zu ganz realen Preisen: Menschen, die über fünfzig, bald sechzig Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben, oder ihre Geschäftsmiete nicht mehr stemmen und damit ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Hätte tatsächlich jemand überwiesen, wäre das Geld in einen Fonds fürs Kulturministerium geflossen, zur Finanzierung experimenteller Architektur.

Und der oder die Mieter:in hätte machen dürfen, was er oder sie will. „Im Rahmen der Vorschriften, so wie wenn man etwas mietet. Man kann natürlich nicht alles machen, aber so ziemlich alles." Das hätte die Erfahrung für die Besucher noch radikaler gemacht: Dann wäre nicht einmal mehr die Massenbesichtigung übrig geblieben. „Dann hätten sie nicht mehr reinkönnen."

Zwischen zwei Nutzungen

Zurück ins Funkhaus, zurück zum Anfang. Zwischennutzung, kurz erklärt: „eine Nutzung eines Gebäudes oder eines Raums zwischen zwei Nutzungen". Etwas geht zu Ende, was anderes kommt.

Fluch oder Segen? „Es ist beides." Nach außen wird es als Interimslösung verkauft, tatsächlich ist es eine Verwertungsstrategie, die Mehrwert produziert, und der landet meistens bei den Eigentümer:innen. Es sieht ja auch gut aus, wenn man sich ein paar junge, kreative Leute hereinholt und damit was Gutes tut. „Aber am Ende ist es natürlich ein Prekariat."

Das Zermürbende daran ist nicht einmal die Miete, sondern die Ungewissheit: „Es gibt kein Datum, wann man raus muss. Hier im Funkhaus hieß es drei Monate, jetzt sind wir schon über ein Jahr da." Schön für sie. Planen lässt sich damit nichts.

Wo du metatketur triffst

Ihre eigene Zwischennutzung dokumentiert Metatektur gerade selbst, von innen nach außen. Dazu läuft die Reihe metatektur 2.28, benannt nach der Zimmernummer: jeden letzten Samstag im Monat Filmscreenings, Diskussionen, Vorträge, Buchpräsentationen. Getränke gibt es, meistens auch was zu snacken, und immer ein architekturrelevantes Thema.

Eine Bitte haben sie noch: nicht in zu großen Mengen kommen. Der Raum ist wirklich klein.

metatektur.org · @metatektur

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