Simone Aughterlony würde Aliens nur eins sagen: „RUN.“

‍Einen Tag vor der Premiere von Collapse in 5 Acts: there is porn of it im Tanzquartier Wien sitzt Simone Aughterlony zwischen verbogenen Gerüstrohren und Betonblöcken. Aughterlony spricht mit uns über queere Energie, Wasserbäder am Morgen und was vielleicht noch wichtiger ist als Hoffnung.

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Simone Aughterlony würde Aliens nur eins sagen: „RUN.“

In den 70ern wurde mit der Voyager-Sonde eine goldene Schallplatte ins All geschickt. Quasi ein Mixtape der Menschheit für den Fall, dass irgendwann irgendwer da draußen reinhört. Musik, Bilder, Geräusche, ein freundliches „Hallo, so sind wir ungefähr“.

Auf die Frage, was Simone Aughterlony auf eine neue Schallplatte für Aliens packen würde, antwortete sie trocken: „RUN.“

Einfach nur:
Lauf.

Kein Lächeln danach. Keine Erklärung. Und irgendwie ist genau das der perfekte Einstieg in Aughterlonys Arbeit.

When I stop talking, I dance.

Simone ist Tänzer:in, Choreograf:in und Performance-Künstler:in. Aufgewachsen in Neuseeland, lebt und arbeitet Aughterlony heute zwischen Zürich und Berlin. Was bei ihr sofort auffällt:
Aughterlony denkt nicht in Kategorien. Die Arbeiten lassen sich nicht brav einordnen. Tanz, Performance, Sprache, Material, Raum. Queer gefärbt, materialverliebt und unbequem präzise.

Der Körper ist bei Aughterlony kein Werkzeug. Er ist Ausgangspunkt. Und manchmal auch die einzige Sprache, die noch übrigbleibt. „When I stop talking, I dance. My body doesn’t speak — or it says everything, I’m not sure.

Bild: Tanzquartier Wien, "Collapse in 5 Acts: there is porn of it"

Kollaps ist kein Zustand, sondern etwas, das passiert

Aughterlonys aktuelles Stück im Tanzquartier Wien trägt den Titel Collapse in 5 Acts: there is porn of it. Ein Titel, der mich seit Tagen nicht loslässt, weil er so aufgeladen ist.

Collapse“ meint hier nicht einfach: alles geht kaputt. Es geht eher um den Moment, in dem Dinge nicht mehr funktionieren und dadurch sichtbar werden. Strukturen. Machtverhältnisse oder Gewohnheiten.

„I like to think of it less as a noun, but as a verb. Der Kollaps ist kein Ende. Er ist ein Zustand.

Im Kern geht es in der Performance um folgendes: Die Welt, wie wir sie gebaut haben, ist brüchig. Wir sehen beim Zerfallen zu. Und manchmal genießen wir das Zuschauen sogar ein bissl. „We can only see collapse through that which remains.“ Simone interessiert sich nicht für den großen Knall. Sondern für den Moment, in dem alle noch so tun, als wäre eh alles stabil, obwohl es längst schief hängt.

Genau dort setzt das Stück an. Auf der Bühne: Nebel, gestürzte Rohre, zerbrochene Monumente. Dazwischen tauchen Figuren auf wie aus einem Fiebertaum: ein König, ein Architekt, eine Fee, Tourist*innen, ein Pferd, ein Erzähler und personifizierter Mangel.

Klingt erst einmal wild. Die archetypischen Figuren stehen in dieser Inszenierung aber einfach für Macht, Gier, Verführung, Verfall und Kapitalismus.

There is porn of it - von was eigentlich?

Gemeint ist damit der bequeme Blick auf den Zerfall anderer. Aughterlony denkt Tourist:innen und Pornografisches zusammen: Man schaut auf Ruinen, Krisen, Zusammenbruch „from that place of comfort“. Angezogen von dem, was kaputt geht, aber immer in sicherer Distanz. Danach geht’s zurück zu den „heated floor boards and soundproof walls.“

Bild: Tanzquartier Wien, "Collapse in 5 Acts: there is porn of it"

„Everything is in transition.”

Auf die Frage, ob es in Aughterlonys eigenen Leben etwas gibt, das sie stark geprägt hat und sich bis heute durch ihre Arbeit zieht, antwortet Aughterlony ziemlich klar: „No, I can’t say that there’s one particular marker point.“ Selbst beim Thema Gender-Transition, sagt sie, gehe es nicht um einen einzigen Einschnitt, sondern um „a long, continual process.

Genau dieser Gedanke zieht sich auch durch Aughterlonys Arbeit: Everything is in transition. Nichts ist wirklich stabil, auch wenn wir gern so tun, als wäre es das. Geschlecht, Identität oder gesellschaftliche Ordnung. All das ist weniger fix, als es oft wirkt. Eher Zwischenzustand als Endform. Oder anders gesagt: Wir leben in Verhältnissen, die wir gern für fest halten, obwohl sie sich die ganze Zeit verändern.

Die queere Energie war immer schon da

Spannender ist, was Aughterlony stattdessen als roten Faden beschreibt: eine sogenannte „queer energy“, die immer schon da war. Nicht als neues Label, sondern als etwas, das Aughterlonys Arbeit längst geprägt hat, bevor andere angefangen haben, sie so zu interpretieren. Als Anfang der 2000er queere Festivals aufkamen, wurde ihre Arbeit plötzlich durch genau diese Linse betrachtet. Ihre Reaktion darauf: „Das war doch immer schon da, nur in einer anderen Form.”

Berlin, Zürich aber keine Clublegende

Wie Berlin und Zürich Aughterlonys Arbeit beeinflusst haben, ist erfreulich unsexy. Keine große Berghain-Erleuchtung und keine romantisierte Club-Vergangenheit. Auf die Frage, wie die Städte Aughterlony geprägt haben, sagt sie trocken: „I’d like to say the club scene, but actually, I didn’t go out that much back then.“

Was Berlin Aughterlony eher gegeben habe, sei ein breiterer Zugang zu alternativen und radikalen Ideen.

Bild: Simone Aughterlony, BUSSI Interview

Kurz untertauchen und durchspülen

In einem älteren Interview erzählt Aughterlony, dass sie jeden Morgen in ganz klarem Wasser badet, als eine Art Reset. Wie ein kurzer Neustart für den Kopf. Ich frage Aughterlony, ob das noch stimmt.

„Ja. Es ist furchtbar verschwenderisch. Aber ja, ich mache es noch.“

Das Gegenteil von einsamem Genie

Die Hälfte der Ideen würde gar nicht entstehen, wenn sie nicht im Gespräch entstünden. So entschieden stellt sich Aughterlony gegen die alte Kunstlegende vom einsamen Genie. Aughterlonys Arbeiten entstehen kollaborativ, in längeren Prozessen, in Gesprächen, mit anderen Künstler:innen, mit Material, Raum, Licht und Sprache.

Collapse in 5 Acts ist über zwei Jahre hinweg gemeinsam mit der Kollaborateurin Jen Rosenblit entstanden, mit Laboren in Berlin, Zürich und New York und einem Symposium in Brooklyn, das sehr passend In Our Decline hieß. Einer der wichtigen Denkanstöße kam vom queeren Theoretiker Jack Halberstam, der sich gerade mit der Ästhetik des Kollapses und dem Konzept des unworlding beschäftigt. (Keine Sorge, wir wussten auch nicht, was das ist.)

Die Grundidee ist einfach: Nicht sofort wieder von Zukunft und Fortschritt reden, sondern erst einmal hinschauen, was wir da eigentlich alles übernommen, gebaut und ruiniert haben.

Was bleibt, wenn Hoffnung ausverkauft ist?

Zum Schluss will ich wissen, was die Leute mitnehmen sollen, wenn sie nach fünf Akten aus dem Saal stolpern. Eine klare Botschaft gebe es nicht, sagt Aughterlony. Die Arbeit sei dunkel, aber auch humorvoll. Wichtiger als Antworten seien vielleicht die Fragen, die Aughterlony offenlässt:

„Wie können wir weitermachen? Wie können wir uns zu etwas bekennen, auch wenn es kaum oder keine Hoffnung gibt? Wie kann dieses Weitergehen das sein, was uns trägt?“

Vielleicht bleibt am Ende nicht Hoffnung als großes Wort übrig, sondern etwas Einfacheres: die Einsicht, dass vieles bricht. Aber auch, dass Menschen einander trotzdem durchtragen. Und dass man, selbst wenn man Aliens vorsichtshalber lieber „RUN.“ zuruft, hier unten nie ganz allein ist.

Collapse in 5 Acts: there is porn of it von Simone Aughterlony läuft im Tanzquartier Wien. Das Stück enthält Nebel, laute Passagen und Darstellungen, die dem Titel gerecht werden. Wer sich darauf einlässt, sollte bereit sein, kurz unterzutauchen — ganz im Sinne des Morgenbads der Künstler:in.

Beitrag: Viktoria Orlinsky

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